Reformation radikalisieren – provoziert von Bibel und Krise

94 Thesen, die es in sich haben

 

Ein Überblick von DR. HANS-GERHARD KOCH

 

Gleich die ersten Sätze dieses Memorandums einer internationalen Gruppe von 46 reformatorischen Theologen machen klar, dass es nicht um betuliche Jubelfeiern geht, sondern um Theologie auf der Höhe der Zeit.

 

Martin Luther begann seine 95 Thesen von 1517 mit der Umkehrforderung Jesu: “Kehrt um, die gerechte Welt Gottes ist nahe”. Fünfhundert Jahre später leben wir in einer Zeit, die wie das biblische “Jobel-Jahr” („Erlassjahr“, Lev/3. Mose 25) ebenfalls Umkehr und eine Veränderung hin zu gerechteren Verhältnissen anmahnt. Das sagen wir heute nicht im Gegensatz zur römisch-katholischen Kirche und den vielen in ihr verwurzelten Befreiungsbewegungen, sondern im Gegensatz zu den Strukturen des Imperiums, die gegenwärtig herrschen. Nur im Hören auf das Wort vom Kreuz (1 Kor 1,18) und das Seufzen der misshandelten Kreatur ( Röm 8:22), nur wenn wir unsere Ohren öffnen für den Schrei der Opfer an der Unterseite unserer hyper-kapitalistischen Weltordnung kann das Reformationsjubiläum zum befreienden “Jubel-Jahr” werden. Christliche Selbstgerechtigkeit, die dieses System stützt, ist der reformatorischen Rechtfertigung aus Glauben entgegengesetzt. Rechtfertigung wird nur gelebt in umfassender Solidarität.“

 

Ausgangspunkt ist, wie einst bei Martin Luther, ein doppelter: die Herausforderungen der Zeit und die Botschaft der Bibel. Die Krisen werden benannt: dramatische Klimaveränderungen, Kluft zwischen Reich und Arm, globaler Finanzkapitalismus. Ihr Hintergrund ist – unter anderem – die Moderne, die mit der Reformation begann. Dem gegenüber stellen die Thesen eine „Neulektüre“ der Bibel aus der Sicht der Opfer dieses Systems.  Und dann wird in den Thesen Ross und Reiter genannt: einvon Kapital getriebene Wirtschaft, die grenzenloses Wachstum erzwingt, das falsche Menschenbild von Konkurrenz und Wettbewerb, die falsche Individualisierung des Heils. Biblisch müssen uns andere Bilder leiten: Die Herrschaft Gottes statt des Mammons (These 5ff), solidarische Gemeinschaft statt imperiale Macht (10), eine „politische Ökonomie des Genug für alle“ statt grenzenlosem Reichtum für wenige(16), Rechtfertigung nicht nur geistlich, sondern auch sozial (18 ff.) . Das muss nicht in die Bibel hinein interpretiert werden, sondern wird schon in biblischen Zeiten gegen die Imperien der damaligen Zeit prophetisch verkündigt und in Ansätzen gelebt. (67 ff.)

 

Wer Reformation 2017 wirklich ernst nimmt, kann deshalb nicht im Geschichtlichen stehen bleiben. These 93 sagt: Wir brauchen eine”neue Reformation”. Jetzt wie damals können Leute leicht fromm sein. Aber diese Frömmigkeit drückt sich oft in unangemessenen Formen aus, weil Kirchen oft von der realen Situation, in der Menschen leben, entfremdet sind. Wie seinerzeit Luther brauchen wir eine Erneuerung der Sprache, eine Rückkehr zur befreienden Botschaft des Evangeliums.

 

Die Thesen schließen: „Die Reformation radikalisieren – provoziert von Bibel und Krise“ ist für Kirchen und Theologie keine beliebige Option, sondern notwendig. Luther selbst machte die Schrift in ihrem historischen Wortsinn zum Kriterium aller Tradition. Die kontextuelle Auslegung der Bibel hat diesen Sinn kritisch-prophetisch geschärft. Und Luther übte systemische Kritik schon am Beginn der kapitalistischen Moderne – Wie sollten wir am Ende dieser immer mörderischeren und selbstmörderischen Menschheitsphase und ihrer Krise nicht neu auf unsere Glaubensquellen hören und mit anderen gemeinsam „dem Rad in die Speichen fallen“? Lasst uns gemeinsam mit andren auf dem Weg der Gerechtigkeit und des Friedens gehen.

 

Höchste Zeit, dass sich auch die reformatorischen Kirchen in Deutschland ernsthaft auf diesen Weg machen.

 

 Die 94 Thesen im Wortlaut