Acht Schritte für eine lebensdienliche Wirtschaft
von
Dr. Hans-Gerhard Koch
1. Wirtschaft wieder enger ans Leben binden
Wenn es stimmt, dass Wirtschaft in erster Linie ein Ort zum Leben ist, muss auch ihr Schwerpunkt bei den Lebensbedürfnissen von Menschen liegen und nicht bei den Erfordernissen des Finanzkapitals. Es ist Zeit, die Finanzmärkte so umzubauen, dass rein spekulative, sehr kurzfristige und mit enormen Krediten finanzierte Geschäfte uninteressant werden. Instrumente dafür werden seit langem diskutiert, wie z.B. eine Börsenumsatzsteuer. Bestimmte Arten von Geschäften wie Leerverkäufe und Spekulationen auf Nahrungsmittel müssen schlicht aus den Börsen verbannt werden.
2. Endlich die ganze Wirtschaft sehen
Geldwirtschaft ist nur der kleinere Teil der Wirtschaft. Viel größer sind nachweisbar die Wirtschaftsbereiche des Bürgerengagements, der sozialen Zuwendung und der Natur, die ins Bruttoinlandsprodukt gar nicht eingehen. Öko- und Sozialbilanzen sind dringend nötig. Und in der Folge eine Anerkennung ehrenamtlicher Tätigkeiten bei der sozialen Sicherung, eine finanzielle Aufwertung der Pflege- und Erziehungsberufe, eine Verpflichtung von Unternehmen zu familienfreundlichen Arbeitsbedingungen oder ein Markt für die begrenzten Emissionsmöglichkeiten.
3. Geldökonomie nur da, wo sie hingehört
Weil die Lebenswelt der Menschen ganz andere Gesetze hat als die Geldökonomie, ist es Zeit, im sozialen und kulturellen Bereich mit Privatisierung, Deregulierung und Marktorientierung aufzuhören. Eine solide finanzierte öffentliche Daseinsvorsorge, ein öffentliches Bildungwesen für alle, Netzwerke für bürgerschaftliches Engagement und Selbsthilfe, Schutz für Bio- und Soziotope sind keine Wirtschaftshindernisse, sondern Grundlage vernünftigen Wirtschaftens. Und wo menschliche Arbeit sich nicht „rechnet“, muss öffentlich geförderte sinnvolle Tätigkeit einspringen. Arbeit ist wie die arbeitenden Menschen viel mehr als ein Kostenfaktor.
4. Soziale Marktwirtschaft, aber das Original
Weil der Markt manches regeln und fördern kann, allein gelassen aber sich selbst zerstört, müssen ihm Grenzen gesetzt werden. Marktmacht muss begrenzt werden durch Mitbestimmung und Kartellrecht. Dem Marktversagen muss vorgebeugt werden durch Sozialpolitik und Umweltpolitik, Mindestlöhne und Mindeststandards. Die „Soziale Marktwirtschaft“, die gemeinsam von Christen, Sozialisten und Liberalen entwickelt wurde, konnte sich gegen die globale Machtwirtschaft nicht durchsetzen konnte und ist in ihrem Herkunftsland zur sozial abgefederten freien Marktwirtschaft verkommen. Das ändert aber nichts daran, dass eine weltweite sozial-ökologische Marktwirtschaft ein verheißungsvolles Modell ist und bleibt.
5. Mehr Meinungsvielfalt in der Ökonomie
Wenn Friedhelm Hengsbach von einer „neoliberalen Glaubenskongregation“ spricht, meint er, dass sich in den letzten Jahrzehnten fast ausschließlich Wirtschaftswissenschaftler der auf Geldvermehrung und Angebotsorientierung setzenden Richtung in Ausbildung, Forschung und Beratung etabliert haben. Sie sitzen auch heute noch in allen Beratungsfirmen, Unternehmensvorständen und Sachverständigenräten. Es wird höchste Zeit, auch andere Stimmen zu hören und die vorhandenen Seilschaften und Machtkartelle aufzubrechen.
6. Für mündige Kunden statt betörter Konsumenten
Kunden sollten wieder das werden, was sie vom Wortsinn her einmal waren: kundige Partner, die sich aus transparenten Angeboten das auswählen, was sie brauchen und sich leisten können. Von da aus wäre ein generelles Werbeverbot in öffentlichen Medien ein Schritt in die richtige Richtung. Werbung hätte außerdem im Umfeld von Kindern nichts zu suchen. Und vieles im Bereich von Kultur, Wohltätigkeit und Information, was derzeit nur durch werbendes Sponsoring zu finanzieren ist, sollten wir lieber mit unseren Steuern direkt bezahlen und nicht auf dem teuren Umweg über die Manipulation unserer Wünsche.
7. Für Räume, in denen Geld keine Rolle spielt
Der Sonntag und der gemeinsame Feierabend sind viel mehr als die individuelle arbeitsfreie Zeit. Sie sind die Chance gemeinsamen Tuns, kultureller Entwicklung und schöpferischer Innovation. Und sie sind Zeichen, dass Wirtschaft mehr ist als Geldvermehrung und Leben mehr als Wirtschaften. Wenn wir diese Grundeinsichten verlieren würden, würde uns eine noch so große Steigerung des Bruttosozialprodukts nichts helfen. Deshalb geht es darum, diese Zeitoasen durch klare gesetzliche Regeln zu bewahren. Zugleich geht es um eine Sonntags- und Freizeitkultur, die diese Räume auch füllt. Kirchen und Zivilgesellschaft haben hier eine gemeinsame Aufgabe.
8. Für Gerechtigkeit, die sich an den Armen misst
Wenn die Armen der Maßstab einer gerechten Gesellschaft sind, muss nationale und internationale Politik anders aussehen. Konjunkturpakete oder internationale Abkommen würden dann an den Lebensbedürfnissen armer Kinder und nicht an der Liquidität von Banken ausgerichtet sein. Politik würde sich daran orientieren, „was die Armen betrifft, ihnen nützt und sie zu eigenverantwortlichem Handeln befähigt“, wie das Gemeinsame Wort der Kirchen 1997 unnachahmlich formulierte. Ein nach diesen drei Prinzipien konstruierter „Sozial-TÜV“ für alle Gesetze wäre nötig und möglich. Kirche und Diakonie könnten diese Aufgabe gut übernehmen. Allerdings müssten sie sich dann in vieles einmischen, aus dem sie sich bisher gern heraushalten, und sie müssten ihre eigenen Prioritäten ändern. Die Zeit ist reif dafür.
Dr. Hans-Gerhard Koch, Sozialpfarrer i.R.
Kirchlich-Gewerkschaftliche Initiative Bayern
Juni 2010