08.03.2013

15 Thesen der 2. Wertewerkstatt 2012

Thema

Wachstum? Wohlstand? Für wen? Und wer bezahlt?

  1. Wachstum ist kein Wert an sich und kein Selbstzweck. Es gibt Dinge, die wachsen müssen, aber mindestens ebenso viele Dinge, die wir stoppen und vermindern müssen. Und vieles muss gegen den ständigen Veränderungsdruck der Ökonomie einfach nur erhalten werden, weil es gut ist.
  2. Die Vorstellung, dass man sich den Streit über Verteilung sparen kann, so lange der Kuchen für alle wächst, hat nur in der Zeit des Wirtschaftswunders funktioniert und ist seit Jahrzehnten durch die Fakten widerlegt. Bei ständig steigendem Bruttoinlandsprodukt sind die Realeinkommen der Arbeitnehmer gesunken.
  3. Wer über Wachstum nachdenkt, muss also zugleich über Verteilung reden. Solange hohe und höchste Einkommen wachsen, aber Arme und Normalverdiener zu kurz kommen, wird Wachstumsbegrenzung zynisch. Ohne mehr Gleichheit wird sie nicht gelingen. Das gilt national und, zu Ende gedacht, auch weltweit
  4. Unaufhörliches Wirtschaftswachstum ist aus ökologischen Gründen nicht realistisch. Die Grenzen des Wachstums nähern sich unaufhaltsam (Club of Rome, 2012). Auch Effizienzgewinne schieben sie nur wenig hinaus, weil sie durch Mengenwachstum wieder aufgezehrt werden. Wir bräuchten schon bald eine zweite und dritte Erde, die wir nicht haben.
  5. In ethischen Werten ausgedrückt ist Nachhaltigkeit ohne Gerechtigkeit nicht möglich. Und Gerechtigkeit orientiert sich an den grundlegenden Lebensbedürfnissen aller Menschen, nicht an den Luxusbedürfnissen weniger. Grundbedürfnisse aller können nur dann in wachsendem Maße erfüllt werden, wenn von oben nach unten umverteilt wird und nicht, wie jetzt, umgekehrt.
  6. Wer Nachhaltigkeit will, muss auch über Arbeit reden. Solange menschliche Arbeit nur als Kostenfaktor begriffen wird, den man minimieren und durch Energie ersetzen oder durch Wegwerfen sparen muss, wird es schwer werden, zu einer ressourcenleichten Lebensweise zu kommen. Politik muss also Arbeit fördern und Ressourcenverbrauch die wahren Kosten auferlegen.
  7. Es führt kein Weg vorbei an einer grundlegenden Veränderung unseres Wirtschaftens, unserer Werte und unserer ganzen Lebensweise. Diese „große Transformation“ wird unser gesamtes Leben verändern. Sie ist aber unausweichlich, weil sonst Krisen und Katastrophen ebenfalls unser Leben verändern – nur in die falsche Richtung.
  8. Wir werden Wohlstand anders begreifen und anders messen müssen. Er besteht und bestand nicht in der Menge der erworbenen Waren, wie der Konsumismus behauptet. Dauerhafter Wohlstand besteht vor allem in gelungenen Beziehungen, Gesundheit, guter Arbeit, demokratischer Teilhabe, öffentlicher, kultureller und sozialer Infrastruktur und verlässlicher sozialer Sicherheit.
  9. Der Hinweis auf immaterielles Glück wird allerdings zur billigen Vertröstung, wenn viele Menschen nicht einmal ihre materiellen und kulturellen Grundbedürfnisse befriedigen können. Ein ressourcenleichter Wohlstand, der nur den Wohlhabenden zur Verfügung steht, wird die Probleme nicht lösen. Und Wohlstand, der andere zu Opfern machen muss, ist keiner.
  10. Unsere Wirtschaft wird sich in eine Gemeinwohl-Ökonomie verwandeln müssen, in der es auf den demokratisch festgestellten Wert für’s allgemeine Wohl ankommt. Marktbedingungen müssen auf diesen Wert ausgerichtet sein. Das ist nicht unrealistischer als die derzeitige Orientierung am maximalen Profit einer immer kleiner werdenden Zahl Superreicher.
  11. Auch jede und jeder Einzelne wird seine und ihre Bedürfnisse überprüfen und entscheiden müssen zwischen immer neuen Waren und Dienstleistungen, die man gestern noch gar nicht gebraucht hat, und Dingen, die auf Dauer glücklich machen. Die derzeitige Praxis der Konsumwerbung erschwert solche Entscheidungen, statt sie zu erleichtern.
  12. Wir werden auch aufhören müssen, unsere Botschaften, unsere Persönlichkeit und unsere Werte vor allem über den Kauf von Waren auszudrücken. Das wird auf lange Sicht immer weniger Menschen möglich sein. Die anderen blieben dann sprachlos und wertlos zurück.
  13. Die notwendigen Veränderungen des Bewusstseins sind eine Bildungsfrage. Sie werden nur gelingen, wenn viele Menschen die Chance haben, sich ein klares Bild von sich selbst, der Gesellschaft und der Zukunft zu machen.
  14. Die notwendigen Veränderungen sind auch eine Machtfrage. Sie werden nur mit einem breiten Bündnis von wertorientierten Menschen und Organisationen gelingen und gegen sichtbare und unsichtbare Bündnisse kurzsichtiger und egoistischer Interessen durchgesetzt werden müssen.
  15. In diesem Bündnis spielen Kirchen und Gewerkschaften eine zentrale Rolle. Sie müssen diese Rolle annehmen und die notwendigen Veränderungen vorantreiben und selbst vollziehen. Ihr Zusammenwirken beim „Transformationskongress“ 2012 ist ein Anfang, dem viele weitere, auch lokale Schritte folgen müssen.

 

November 2012

Dr. Hans-Gerhard Koch

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