Ergebnis der Werte-Werkstatt 2011
Aspekte von Werten
1. Was sind unsere Werte ?
Die Werte, mit denen sich die Teilnehmenden vorstellen, sind ihnen wichtig, aber auch in ihrer Person und ihre Lebensgeschichte verankert.
Es finden sich dabei zwei Gruppen von Werten wieder:
a) Grundwerte
Solidarität untereinander und mit Schwachen, Barmherzigkeit, Menschenwürde für alle, Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, soziale Teilhabe aller, Bildung, Nachhaltigkeit, Glück für alle
b) Tugenden
Ehrlichkeit, Transparenz, Zuverlässigkeit, Einfühlungsvermögen, Vertrauen, Gemeinsinn, Lebendigkeit, das rechte Maß, Geduld, Sparsamkeit, Konfliktfähigkeit, Zivilcourage, Kollegialität, Fairness
Fast alle in der Gruppe teilen auch die Werte und Tugenden, für die die anderen stehen. Es gibt also unter uns eine breite Übereinstimmung in den Grundwerten, aber auch in einer bestimmten Kultur des Umgangs miteinander in unserer Gesellschaft.
Viele machen deutlich, dass der für sie besonders wichtige Grundwert, z.B. Freiheit, ohne andere Werte, z.B. soziale Teilhabe nicht zu verwirklichen ist. Nur so aber, im richtigen Zusammenhang, gelten Grundwerte für alle und nicht nur für besonders Begünstigte.
2. Was sind überhaupt „Werte“?
Ausgelöst wird die Diskussion durch einen Beitrag, der die Herkunft des Begriffes aus der Ökonomie aufzeigt und die Gefahr sieht, dass „Werte“ am Ende doch einen Preis haben und dem geldwerten Vorteil als oberstem Wert untergeordnet werden.
Zwei Sätze von Immanuel Kant können ein kritisches Korrektiv sein:
a) dass in der Welt der Dinge alles entweder einen Preis oder eine Würde hat. Was aber eine Würde hat – also vor allem ein Mensch – hat eben keinen Preis und kann auch nicht mit anderen „Werten“ verrechnet werden.
b) dass man immer so handeln solle, dass die Begründung des eigenen Handelns auch als Gesetz für alle taugt („kategorischer Imperativ“). „Werte“ sind immer universal. Sie gelten, wenn sie gelten, für alle und taugen nicht als Privileg der einen gegen die anderen.
Es wäre eigentlich wünschenswert, einen anderen Begriff für das zu finden, was wir mit „Werte“ meinen. Leider passen verwandte Begriffe wie Tugenden, Menschenrechte, Kulturen auch wieder nur zum Teil. Wichtig ist aber, Werte immer auf „Würde“ zu beziehen und nicht auf „Preise“, und nur universale Werte als solche zu bezeichnen.
3. Was ist dann mit Wertewandel gemeint?
Es heißt nicht, dass sich die Grundwerte wandeln müssten, denn die gelten nach wie vor. Eher ist es so, dass sie gegen den alles beherrschenden Geldwert verteidigt und wieder in Geltung gebracht werden müssen. Und es muss gegen das ideologische Herauslösen und Verabsolutieren von einzelnen Werten (z.B. Freiheit) der Zusammenhang der Grundwerte wieder hergestellt werden.
Hinzu kommen muss eine Kultur des Menschengerechten, die von der Würde und Wertschätzung jedes Menschen ausgeht und versucht, ihm oder ihr durch ein faires, wahrhaftiges und zugewandtes Verhalten gerecht zu werden.
Werte sind, auch wenn sie gültig bleiben, nicht etwas unwandelbar Feststehendes, sondern in Prozessen des bewusst Werdens und Handelns zu verwirklichen. In diesem Sinn kann dann auch von einem notwendigen Wertewandel geredet werden.
Wertewandel in die falsche Richtung findet ständig statt. Der Neoliberalismus hat die Tendenz, im Namen einer von jedem Inhalt entleerten Freiheit alle Werte zu verwandeln, in dem er sie vom Geld her definiert und dann nur noch den Gewinnern am Markt zuspricht.
Andererseits findet auch ein gegenläufiger Werte-Wandel statt: Firmen entdecken die Vorteile fairer Konfliktlösung, gelungener Teamarbeit oder eines wertschätzenden Umgangs mit den Beschäftigten. Eine Vielzahl von Initiativen setzt sich teils mit großem Erfolg für Transparenz, Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, fairen Handel und Ähnliches ein. Neue Kommunikationsmöglichkeiten machen erstmals in der Geschichte auch einen globalen Werte-Diskurs und eine weltweite Verbreitung der Idee der Menschenrechte möglich.
Auch der demografische Wandel von mehr Jungen zu mehr Älteren wird andere Prioritäten bei den Werten zur Folge haben.
Der „Wertewandel jetzt“ ist also eine Realität, es fragt sich bloß, wohin.
4. Was bedeutet das für die KGI?
(1) für den Zusammenhang der Grundwerte eintreten
Es gibt keine Freiheit, wenn es an der gerechten Teilhabe fehlt, und keinen Frieden, wenn schreiende Ungerechtigkeit herrscht. Auch wem Bildung vorenthalten wird, ist nicht frei, und er/sie kann seine Chancengerechtigkeit nicht wahrnehmen. Meine Freiheit endet bei der Freiheit des anderen, Solidarität gehört also zwingend zur Freiheit dazu. Das ist eine Einsicht der Arbeiterbewegung wie auch der reformatorischen Theologie. Martin Luther hat z.B. ein seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ die Freiheit und den Dienst am Nächsten ganz eng zusammen gerückt.
Das heißt heute ganz konkret:
(2) für die gemeinsamen Werte eintreten
Wie beim Freiheitsbegriff, so sind auch beim Gerechtigkeitsbegriff die Tradition der Arbeiterbewegung und die christlich-jüdische Tradition ganz eng beieinander. Gerechtigkeit ist für beide nicht Leistungsgerechtigkeit oder gar das Ergebnis von Wettbewerben am Markt, sondern Gerechtigkeit für alle, besonders für die Armen und Schwachen. Der christliche Begriff Nächstenliebe ist entstanden aus dem Wort Jesu „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, oder auch „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du“. Deshalb ist Nächstenliebe gleichbedeutend mit dem, was die Arbeiterbewegung mit „Solidarität“ meint. Der christliche Begriff der Barmherzigkeit, der liebevollen Zuwendung zu Hilfsbedürftigen ohne Ansehen der Person, ist der Arbeiterbewegung ebenfalls nicht fremd, weil auch dort die Hilfe nicht nur politischem Kalkül entspringt, sondern auch einer inneren Verbundenheit.
Das heißt heute ganz konkret:
(3) für eine Kultur der Wertschätzung von Menschen eintreten
Es gibt ein Wort des Gründers der Christlichen Arbeiterjugend, Kardinal Cardijn, dass jede junge Arbeiterin und jeder junge Arbeiter mehr wert sei als alles Geld der Welt. Die katholische Soziallehre wird nicht müde, zu betonen, dass der Mensch vor dem Kapital kommt. Auch die Gewerkschaftsbewegung ist von dem Gedanken geprägt, dass Arbeit für Menschen Sinn macht, dass sie als Gute Arbeit menschengemäß organisiert und fair bezahlt wird, dass Menschen sich in ihrer Arbeit entfalten und verwirklichen und über ihre Arbeitsbedingungen und Arbeitsprodukte mitbestimmen können. Insofern verwirklicht die Gewerkschaftsbewegung, was die christliche Soziallehre postuliert.
Das heißt heute ganz konkret:
(4) für eine Kultur der Fairness und Ehrlichkeit eintreten
Eine ganz spezielle Art der Wertschätzung ist Ehrlichkeit. Sie gönnt dem anderen eine – auch abweichende Meinung, verzichtet auf Halbwahrheit und Desinformation und gibt dem anderen damit die Chance, sich mit der Situation und den Partnern auseinanderzusetzen. Ehrliche Gegner sind in diesem Sinn besser als falsche Freunde. Fairness spielt im Konflikt die eigenen Stärken nicht rücksichtslos aus, sondern lässt auch dem andern eine Chance. Fairness bedeutet auch, dass die wechselseitigen Anteile am Erfolg realistisch bewertet und entsprechend honoriert werden.
Das bedeutet:
(5) für eine Kultur der Inklusion eintreten
Unsere Gesellschaft ist derzeit dabei, immer weiter auseinanderzudriften. Nicht nur die Einkommensschere öffnet sich immer weiter, auch die Wohn- und Lebensumfelder der Menschen, die Bildungsangebote für Kinder, die Beteiligungsformen am Kulturleben separieren sich als Folge der sozialen Spaltung.
Unsere Gesellschaft als ganzes schottet sich gegenüber Zuwanderern und Flüchtlingen ab und entwickelt Sündenbockmechanismen, um das zu begründen.
Die biblische Tradition der Gotteskindschaft aller Menschen und die gewerkschaftliche Tradition der sozialen und internationalen Solidarität widersprechen gemeinsam der Separation und treten gemeinsam für eine inklusive Gesellschaft mit gleichen Rechten für alle ein – auch wenn das für die, die mehr haben, teilen bedeutet.
Konkret heißt das:
(6) für eine Kultur des Vertrauens eintreten
Unsere Gesellschaft, besonders aber die Arbeitswelt ist weitgehend von Misstrauen und Kontrollbedürfnissen geprägt. Deswegen entwickelt sie immer mehr Instrumente um die Menschen zu Leistung anzutreiben und diese zu kontrollieren.
Künstliche Wettbewerbe und überbordende Dokumentations- und Zertifizierungszwänge sollen für Qualität sorgen, obwohl die allermeisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer schon von sich aus gute Arbeit leisten und einfordern. In der Tradition der reformatorischen Theologie wird der Mensch erst von Gott anerkannt, und dann erst erbringt er aus Dankbarkeit „gute Werke“. Die Arbeiterbewegung war immer auch stolz auf das fachliche Können, und ohne dieses fachliche Können und ohne Leistungsbereitschaft über das Geforderte hinaus ist ein erfolgreiches Unternehmen gar nicht denkbar.
So treten wir für eine Kultur des Vertrauens auf die Menschen und ihre eigenen Wertmaßstäbe ein und gegen den Generalverdacht, Menschen seien nur mit „Zuckerbrot und Peitsche“ zu motivieren.
Das heißt:
(7) für eine Kultur der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit eintreten
Die Ereignisse in Japan führen uns vor Augen, dass wir heute fähig sind, unseren eigenen Lebensraum mit nicht verantwortbarer Technik um des Profits willen nachhaltiger zu zerstören als jede Naturkatastrophe es kann. Wenn unsere Kinder und Enkel noch eine lebenswerte Umwelt vorfinden sollen, darf nur noch so gewirtschaftet werden, dass die natürlichen Ressourcen geschont und die wichtigen Gleichgewichte auf unserer Erde erhalten werden. Ähnliches gilt aber auch im sozialen Bereich. Die Ressourcen an sozialem Verhalten, die eine intakte Familie und ein lebendiges Gemeinwesen bereitstellt, und nicht zuletzt die Zustimmung zu zentralen Werten und Tugenden sind ebenso überlebenswichtig wie Naturbiotope.
Beides für kurzfristigen Profit zu zerstören, ist auf lange Sicht selbstmörderisch.
Das heißt konkret:
(8) für werte-orientierte Politik eintreten
Politik muss wieder Politik werden, das heißt Übereinkunft über das Richtige für das gesamte Gemeinwesen und nicht zur nachträglichen Begründung für die Verbeugung vor mächtigen Interessengruppen verkommt. Sie muss sich an für alle gültige Werten orientieren und erst dann fragen, was machbar und finanzierbar ist.
Das Wort „alternativlos“ ist nicht umsonst ein Unwort des Jahres geworden. Es erweckt den Anschein, als gäbe es angesichts angeblicher Sachzwänge keine Möglichkeit der wertorientierten Entscheidung.
Damit ist beispielsweise gemeint:
(9) für menschengemäßes Wirtschaften eintreten
Es wird immer wieder behauptet, „die Märkte“ verlangten dies oder jenes. Damit werden die Ergebnisse von Marktprozessen, Wettbewerben oder auch Absprachen zwischen marktbeherrschenden Konzernen zum Gott, dem sich Menschen ihre Zeit, ihren Lebensstandard, ihren Arbeitsplatz oder ihre Zukunftsperspektiven opfern müssen. Wir orientieren uns an der alten gewerkschaftlichen Erfahrung, dass zu fragen ist, ob Wirtschaft Arbeitnehmern und ihren Familien nützt, und an der biblischen Überzeugung, dass die Situation der Armen der Maßstab für eine Gesellschaft ist.
Das heißt:
(10) für eine offene Bürgergesellschaft eintreten
Politische Bürgerrechte ohne Wirtschaftsbürgerrechte werden hohl. Demokratie verkommt zur Postdemokratie, in der mächtige Interessengruppen die Entscheidungen gewählter Gremien vorwegnehmen oder manipulieren. Demokratie wird dann nur noch in Szene gesetzt. Für uns ist Demokratie, die auch den Bereich der Wirtschaft umfasst, die einzige Form der Willensbildung, die unserem Bild vom Menschen entspricht. Auch unser Gemeinwesen lebt von aktiven, kritischen Bürgerinnen und Bürgern und nicht von manipulierbaren Konsumenten veröffentlichter Meinungen. Ehrlichkeit ist nicht nur eine private, sondern als Transparenz auch eine öffentliche Tugend.
